Judo-Prinzipien

Was den Kodokan von allen anderen Kampfsportschulen in Japan unterschied war die Art zu unterrichten. Während im Ju-Jutsu einzelne Techniken und Tricks beigebracht wurden, lehrte Kano im Kodokan Judo die hinter den Techniken stehenden (und sie dadurch verbindenden) Prinzipien (CUNNINGHAM 1998). Die zwei grundliegenden Prinzipien im Judo sind "Sei-Ryoku-Zen-Yo", das technische Prinzip und "Ji-Tai-Kyo-Ei", das moralische Prinzip. Die Verinnerlichung dieser Prinzipien ist erklärtes Ziel des Judotrainings:

The final aim of judo practice is to inculcate respect for the principles of maximum efficiency and mutual welfare and benefit.

KANO (1994) 25

 1. Das technische Prinzip: Sei-Ryoku-Zen-Yo

Sei-Ryoku-Zen-Yo erläutert die Bedeutung des "Ju" in Judo näher. Eine Übersetzung gestaltet sich durch die kulturellen Unterschiede schwierig. PÖHLER (1995 2.1.) schlägt "Bester Einsatz von Geist und Körper" oder "Bester Einsatz der vorhandenen Kräfte" vor. CUNNINGHAM (1998) übersetzt "Sei-Ryoku-Zen-Yo " ins Englische als "use your life energies in the most just (right, virtuous) and efficient (best) way." "Use your energy to the best - this is the true meaning of Judo." Nennt MIFUNE (2004 25) als Motto des Kodokan und beschreibt damit das gleiche Prinzip.

Alle Definitionen gehen in die gleiche Richtung, ich möchte die Definition von PÖHLER (1995) etwas erweitern, um zu verdeutlichen was "Kräfte" im Sinne von Kano sind:

Bester Einsatz der vorhandenen psychischen, technischen und physischen Kräfte.

2. Das moralische Prinzip: Ji-Tai-Kyo-Ei

Eigentlich reicht Sei-Ryoku-Zen-Yo, um einen Gegner zu besiegen. Um aber konfliktfrei mit ihm zusammen leben zu können und nicht nur selbst technisch Fortschritte zu machen, braucht es ein weiteres Prinzip: Ji-Tai-Kyo-Ei. KANO (1994) selbst übersetzte dieses Prinzip folgendermaßen:

The principle (...) can be realized only through mutual aid and concession. The result is mutual welfare and benefit.

Dieses weit über den sportlichen Rahmen hinausgehende Prinzip verleiht Judo die besondere Stellung im Vergleich zu allen anderen Kampfsportarten. Abgesehen vom Ringen gibt es keine andere Kampfsportart für deren Ausübung, ein Partner absolute Grundbedingung ist. Selbst Kata, die bei anderen Kampfsportarten ohne Partner ausgeführt wird, ist beim Judo eng mit einem Trainingspartner verknüpft. Tori ist immer für Uke und dessen Wohlbefinden, aber auch für dessen Trainingsfortschritt verantwortlich. Damit ist in jeder Trainingseinheit, für jeden einzelnen Trainingsteilnehmer die Verantwortung für das persönliche Umfeld direkt und ganzheitlich erfahrbar.

Mathias Geislinger

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